Wo Christen sich ungeschützt fühlen
Pfarrer Kurt Vesely bei Punktsieben zum Thema „Christen unter Druck“
„Wenn es doch nur ein ’verstaubtes Thema’ wäre.“ Pfarrer Kurt Vesely, evangelischer Theologe und Lehrer am Gymnasium Walldorf, widmete sich bei Punktsieben, dem Diskussionsforum der evangelischen Kirchengemeinde, der Frage „Sind Christen weltweit unter Druck?“
Die Antwort war nicht einfach, denn offenbar trifft auf die öffentliche Wahrnehmung zu, was er aus dem Bekanntenkreis gehört habe: dass das heute „kein Thema mehr“ ist. Bei seinen Recherchen in Berichten der Menschenrechtsorganisationen „Amnesty International“ und „Human Rights Watch“ habe er zu seiner Verblüffung kaum etwas über die Verletzung der Religionsfreiheit von Christen gefunden. Da gebe es einen „blinden Fleck“. Christliche Hilfswerke wie „Kirche in Not“ oder „Open Doors“ sprechen von weltweit über 100 Millionen diskriminierten oder verfolgten Christen.
Damit sei natürlich nicht gemeint, dass sie alle unter körperlicher Gewalt zu leiden hätten oder gar getötet würden, betonte Vesely. Vordringlich würden ihnen nicht die vollen Bürgerrechte eingeräumt, erklärte er. Brandanschläge auf Kirchen wie in Nordnigeria oder Attentate wie jene auf Kopten in Ägypten: Solche Vorfälle sind nach Kurt Veselys Meinung selten. Doch es wirkt ihm zufolge, als unternehme beispielsweise Ägypten nicht genug: „Die Christen dort fühlen sich ungeschützt.“
„Open Doors“ hat einen „Weltverfolgungsindex“ erstellt, eine Liste von 50 Ländern, in denen Christen am stärksten benachteiligt werden. An erster Stelle stehe Nordkorea, so Vesely. Die nächsten neun Länder auf der Liste seien islamisch geprägt, beispielsweise Iran, Saudi-Arabien, Pakistan, Afghanistan und Nigeria. Weiterhin seien beispielsweise China und Vietnam auf der „Watch List“ des Hilfswerks. Um die Frage, warum Christen so häufig in islamisch geprägten Ländern verfolgt werden, komme man nicht herum, so Vesely. „Bloß darf man nicht in die Falle tappen, einen ewig unveränderlichen Islam zu sehen, der nicht anders kann, als intolerant zu sein.“ Was ihm zufolge lange in der katholischen Theologie galt, „nur die Wahrheit hat Recht“, finde man nun dort: „Die staatsbürgerliche Partizipation ist abhängig von der Nähe zur islamischen Wahrheit. Vollbürger sind nur Muslime.“
Kurt Veselys Ansicht nach ist die Forderung, Deutschland solle politischen Druck ausüben, um die Situation der Christen zu verbessern, hochproblematisch. Dann fühlten sich die jeweiligen Länder womöglich an Kolonialzeiten erinnert. Christen würden vielfach ohnehin als „Fünfte Kolonne“ beargwöhnt. „Der Schuss könnte nach hinten losgehen.“ Auf der lokalen Ebene empfahl Kurt Vesely das Knüpfen von Partnerschaften zu christlichen Gemeinden beispielsweise in Ägypten oder im Libanon.
Vertiefende Fragen stellten Dr. Ralf Tolle, Sabine Reich und Pfarrer Bernd Höppner von Punktsieben. Die spätere angeregte Diskussion mit dem Publikum drehte sich auch um die Verbesserung des interreligiösen Dialogs in Deutschland. Kurt Vesely konnte als Leiter interkultureller und interreligiöser Projekte in Mannheim von guten Erfahrungen mit dialogbereiten muslimischen Gemeinden berichten. Klaus Bruckner von Punktsieben hatte die Gäste eingangs begrüßt und bedankte sich im Anschluss bei Kurt Vesely mit einem Weinpräsent. (seb)