Nicht für jedes Handy müssen Kinder schuften
Punktsieben diskutierte über bessere Arbeitsbedingungen weltweit
Es waren erschütternde Bilder, die der SPD-Entwicklungspolitiker und Mannheimer Bundestagsabgeordnete Stefan Rebmann beim Diskussionsforum Punktsieben der evangelischen Kirchengemeinde Walldorf zeigte: Verschüttete und verstümmelte Textilarbeiterinnen, Opfer des Einsturzes des Rana-Plaza-Komplexes am 24. April 2013 in Bangladesch, bei dem mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen.
„Menschenwürdige Arbeit weltweit – Utopie oder erreichbares Ziel?“ lautete der Titel der Veranstaltung in Anlehnung an den Antrag, mit dem der Bundestag die Bundesregierung aufgefordert hat, sich für die Verhinderung von Sklaverei und die Einhaltung von sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Standards weltweit einzusetzen. Das sei zugleich der richtige Weg, um Fluchtursachen zu bekämpfen, so Rebmann.
Er appellierte an die Verantwortung der westlichen Nationen und ihrer Unternehmen, denen andere Länder als „Werkbänke“ und „Plantagen“ dienen. Bei seinen Besuchen in den Schwellen- und Entwicklungsländern hat er unvorstellbares Elend gesehen. Allein 168 Millionen Kinderarbeiter gebe es, davon 85 Millionen in gefährlicher Arbeit. „Den Blick des siebenjährigen Jungen, der mit dem Esel aus der Mine kommt, vergessen Sie nicht.“
Nach dem Vortrag war es Sache der beiden „Konfrontatoren“ von Punktsieben, die Diskussion zu eröffnen. „Meine Vermutung: Der Antrag interessiert niemanden“, sagte Christoph Dressler provokant und fragte nach der politischen Umsetzung und danach, welche Druckmittel es gebe. Ralf Tolle kritisierte das Dickicht an Siegeln und forderte Standards für die Arbeitsbedingungen in den Fabriken.
Die gesetzlichen Rahmenbedingungen wolle er so setzen, dass Verbraucher sich nicht den Kopf über die Produktionsbedingungen zerbrechen müssten, betonte Rebmann und ergänzte: „Ich will, dass Siegel überflüssig werden.“
Als Erfolge nannte er das von Entwicklungsminister Gerd Müller initiierte Textilbündnis und den "Vision Zero Fund", mit dem G7-Staaten von Unternehmen und Organisationen Geld sammeln, um Unfall-Versicherungen aufzubauen oder Brandschutzinspektoren auszubilden. In einen Entschädigungsfonds für die Opfer des Fabrikeinsturzes in Bangladesch hätten schon viele Unternehmen, darunter der Textil-Discounter KIK eingezahlt, während sich andere, wie Benetton, weigerten.
Widerstand gegen das Textilbündnis komme von den Verbänden, die geltend machten, bei bis zu 150 Zulieferern könnten die Unternehmen nicht alle kontrollieren. Eingeknickt seien sie, als die mittelständischen Unternehmen aufgestanden seien und gesagt hätten: „Wir brauchen Standards.“
Die EU-Kommission habe den Antrag übernommen, da internationale Standards Druck aus der Diskussion um die Freihandelsabkommen TTIP und CETA nehmen könnten. Als weiteren Erfolg nannte Rebmann eine Neuerung im Beschaffungsrecht, wonach Kommunen soziale und ökologische Aspekte aufnehmen können.
„Wie soll ich mich als Bürger verhalten?“ Dies war eine der Fragen, die das Publikum beschäftigten. Rebmann empfahl, immer wieder kritisch nachzufragen: Wo kommt etwas her? Wie wurde es produziert? Wenn das Viele machten, würde das schon etwas bewirken. Auch wies er auf die neue App „Siegelklarheit“ der Bundesregierung hin und gab an, selbst ein nachhaltig produziertes Smartphone und ein entsprechendes Tablet von der hessischen Firma Shift bestellt zu haben.
Positivbeispiele für verantwortungsvolle Unternehmen sollten mehr herausgestellt werden, war dann auch eine Anregung aus dem Publikum. Dass es auch in Deutschland Missstände bis hin zu Sklaverei gibt, wurde in der Diskussion deutlich. Eine Teilnehmerin berichtete, dass beim Bau einer Berliner Shopping Mall die Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien ohne Lohn nach Hause geschickt worden seien.
Gefragt wurde auch nach der Möglichkeit, die Globalisierung einzudämmen und Textilproduktion nach Deutschland zurückzuholen. „Was machen dann die Leute dort?“ fragte Rebmann zurück. Er sprach sich dafür aus, mit fairer Arbeit Entwicklungsländern eine Perspektive zu bieten. „Ich bin für soziale Globalisierung, Beispiel SAP.“
Auf die Anmerkung einer Dame, es sei doch sinnvoll, dass die ungebildeten Leute in den Entwicklungs- und Schwellenländern die einfachen Arbeiten verrichteten, entgegnete Rebmann: „Der Herrgott hat den Intellekt gleichmäßig über den Globus verteilt.“ Daher sei es wichtig, dass Kinder auch in Entwicklungsländern nicht in Minen oder auf Feldern schuften müssten, sondern die Chance auf Bildung hätten.
Mathias Pütz von Punktsieben dankte Rebmann augenzwinkernd, dass er zum Abschluss noch den lieben Gott ins Spiel gebracht habe und Jochen Koppert überreichte ihm Wein vom Wieslocher Bürgerwingert.
(heb)